Bei dauerhafter Überlastung droht ein Infarkt der Seele

Zahl der Burn-out-Kranken steigt - Scheitern im Alltag - Negative Erfahrungen hinterlassen Spuren im Gehirn

Es waren die mit dem ausgeprägtesten "Helfersyndrom", bei denen am Ende gar nichts mehr ging. Mit dieser Beobachtung prägte 1974 der US-Psychoanalytiker Herbert Freudenberger den Begriff des Burn-out-Syndroms.

Die biologische Erklärung für das Phänomen liegt vor allem in unseren Hirnstrukturen, ist der Mediziner und Psychoanalytiker Professor Joachim Bauer von der Freiburger Universitätsklinik, der sich seit vielen Jahren mit dem Burn-out-Syndrom beschäftigt, überzeugt: "Unser Gehirn wandelt psychische Erfahrung um in Motivationsstrukturen, von denen zentrale Neurotransmitter und Hormone ausgeschüttet werden, allen voran das Dopamin, aber auch Oxytozin und Endorphine. Bei mißglückten menschlichen Beziehungen - egal ob im Job oder privat - fahren diese Motivationsstrukturen runter auf null." Das Ergebnis sei nach ein paar Jahren das Dauergefühl eines "Ich kann nicht mehr". Alltägliche Aufgaben werden zu unüberwindbaren Hürden. Denn um sich wohl und zuversichtlich zu fühlen, braucht es biochemisch betrachtet genügend Moleküle jener positiven Botenstoffe im Blut.

So gesehen ist der Mensch eine äußerst erfolgsorientierte Spezies. Kehrt er mit einem Gefühl guten Gelingens etwa von seinem Job zurück, hat das sein Körper längst erkannt und physiologisch umgesetzt. Andernfalls fehlen nicht nur die gesunderhaltenden Wohlfühlstoffe - ein echter Teufelskreis beginnt. Der Organismus gerät in ständige Alarmbereitschaft. Dafür sorgen vor allem die Streßsysteme, die, einmal in Gang gesetzt, zu einer vermehrten Produktion der Hormone Cortisol und Noradrenalin führen. "Das hat für die Gesundheit vielfältige Folgen, die Balance geht verloren", sagt Bauer.

Streßhormone machten beispielsweise auf Dauer das Immunsystem "platt", Infekte und andere körperliche Beeinträchtigungen treten vermehrt auf, der Ausgebrannte gewinnt zunehmend das Gefühl, sowieso nicht mehr auf die Füße zu kommen. Das Noradrenalin hinterläßt laut Bauer seine Spuren im Herz-Kreislauf-System. Der Blutdruck klettert hoch, ein chronisches Gefühl von Belastung und Streß breitet sich aus. Jede Eigeninitiave erstirbt.

Von der Evolution einst als sinnvolles Fluchtsystem selektiert, setzen Streßreaktionen über eine längere Zeit, ohne Regeneration, den modernen Menschen eines Tages schachmatt. "Die Zahl an Burn-out-Erkrankten ist steigend", beklagt der Mediziner. Zeitdruck und Überforderung sehen Experten, neben einem übertriebenen Verantwortungsgefühl, als Ursachen. So belegt der Gesundheitsbericht der Deutschen Angestellten-Krankenkasse von 2005, daß im Vorjahr zwar die Zahl der Krankmeldungen rückläufig war, aber 9,8 Prozent wurden durch psychische Erkrankungen verursacht.

(erschienen in der Welt, 10. April 2006)


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